Angst

Typ in Krawatte zeigt auf einen knienden Menschen, der sich unterwirftWie viele andere IV-Rentner habe ich Angst von der Invalidenversicherung. Die Invalidenversicherung ist eine übermächtige und undurchsichtige Behörde… Sie ordnet an, entscheidet, verfügt. Meine Wünsche und Träume spielen keine grosse Rolle. Ich weiss nicht, was die Zukunft bringt. Was wird die IV morgen entscheiden? Mein Mann erzählt mir über rechtstaatliche Garantien, aber das hilft mir überhaupt nicht! Was heisst Rechtstaat, wenn Ärzte lügen und Kranke als gesund deklarieren? Schöne aber leere Wörter.

Mit Bangen öffne ich jeden Brief von der Invalidenversicherung. Mein Herz klopft stark, wenn ich den Brief lese. Ich verfalle in Panik, wenn ich nicht verstehe, was die IV mir sagen will.

Letztes Jahr erlebt: Ich besuchte einen kleinen Kurs für Webmaster und fürs Design. Der Dolmetscheinsatz wurde erst bewilligt, nachdem der Kurs schon wieder fast vorbei war. Zum Glück konnte die Procom die Finanzierung des Dolmetscheinsatzes trotzdem anderweitig organisieren. Einen Monat nach dem Ende des Kurses bekam ich diesen Bescheid (mit Transcripts für Blinde):


Transcript Seite 1: Mitteilung iv ai be Frau Cam Ly / Versicherten-Nr. 765.9001.3345.67 / Neuhausweg 3 Referenz: 624.74.690.216 / 3063 Ittigen Mitteilungs-Nr: 3022.01172.52490 / Datum: 11.03.2011 — / Zuständig: — / Direktwahl: 031 379 — / Betrifft: Gesuch vom 31.08.210 / Berufliche Massnahmen werden abgeschlossen / Sehr geehrte Frau Ly / Wir haben den Anspruch auf berufliche Massnahmen geprüft. / Gesetzliche Grundlagen / Invalide oder von einer Invalidität bedrohte versicherte Personen haben Anspruch auf berufliche Eingliederungs-massnahmen, soweit / – diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern und / – die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahnen erfüllt sind. / Sie haben den Kurs «Konzept und Gestaltung mit Text und Bild» bei der Procom beendet. Sie sind somit angemessen eingegliedert. / Wir entscheiden deshalb: / Die beruflichen Eingliederungsbemühungen werden abgeschlossen. Wir wünschen Ihnen alles Gute. / Rechtsmittelbelehrung / Wenn Sie mit dem vorliegenden Entscheid nicht einverstanden sind, können Sie innert 30 Tagen bei der IV-Stelle Bern, Chutzenstrasse 10, Postfach, 3001 Bern eine beschwerdefähige Verfügung verlangen. / IV-Stele Kanton Bern – Chutzenstrasse 10 – Postfach – 3001 Bern – Tel. 031 379 71 11 – Fax 031 379 72 72 / Öffnungszeiten: 8.00 – 12.00 Uhr / 13.30 – 17.00 Uhr, Freitag bis 16.00 Uhr / Transcript Seite 2: 756.9001.3345.67 / Ly Cam / Mit freundlichen Grüssen / IV-STELLE KANTON BERN / Eingliederungsmanagement / — / — / Eingliederungsfachmann / Seite 2

Wow. Ich bin angemessen eingegliedert. Was hat denn diese hoheitliche Deklaration meiner erfolgreichen beruflichen Integration zu bedeuten? Es ist nur ein ganz kleiner Kurs für visuelle Entwürfe. Ist es eine Drohung, dass ich nie mehr Dolmetscher bestellen darf? Ausserdem hat es einen entscheidenden Fehler in dieser Mitteilung. Der Kurs fand nicht bei der Procom statt. Die Procom hat nur Gebärdensprachdolmetscher für den Kurs organisiert. Das ist nicht vertrauenserweckend und macht Angst.

Ist die Invalidenversicherung so inkompetent? Kann sie solch falschen und lächerlichen und gleichzeitig so bedrohlichen Papierkram produzieren? Kann ich einem solchen Betrieb wirklich Vertrauen schenken? Grosse Wahl habe ich nicht, denn die IV entscheidet über meine Zukunft so oder so.

Für korrekte Urteile braucht es nun mal einfach Sachverstand. Angestellte hinter Aktenberge haben keinen Bezug zur realen Welt. Das zeigt sich in vielen kleinen Details, so auch in diesem Brief oben. Ich denke der «Eingliederungsfachmann» hat nicht verstanden, was das Dolmetschen für Gebärdensprache bedeutet.

Wer hat auch schon so komische Post von der IV bekommen? Unverständliche oder schlicht falsche Behauptungen oder Unterstellungen?

Und hat die IV überhaupt eine Zukunft? Wird sie nicht einfach irgendwann implodieren und die Menschen mit Behinderungen im Regen stehen lassen? Müssen wir dann in den Strassen betteln gehen?

12 Gedanken zu “Angst

  1. Liebe Cam Ly
    Ist dir bewusst, was du alles veröffentlichst und dass dies alles im Netz gespeichert bleibt. Es kann dir irgendwann Nachteile einbringen.
    Lieber Gruss,
    Margot

    • Liebe Margot

      Danke für dein Mitdenken. Mein Mann hat vorgeschlagen, dass wir den Server für diese Website abschalten können. Aber das will ich nicht. Ich glaube nicht, dass es Nachteile bringt.

      Wir haben Partner, die uns beraten. Einer machte einen Vergleich. Die IV ist eine Versicherung. Versicherungen sind gesetzlich verpflichtet, Leistungen zu erbringen. Wenn also dein Haus abbrennt und die Feuerversicherung verlangt vertiefte Abklärungen, darfst du darüber im Internet berichten. Schlimmstenfalls wird die Feuerversicherung vielleicht ein bisschen mehr Bürokratie machen oder mit der Auszahlung einige Tage zusätzlich warten. Aber es bleibt dabei: die Feuerversicherung muss den Schadenfall decken.

      Denke auch daran, dass in der Schweiz Meinungsfreiheit gilt: «Jede Person hat das Recht, ihre Meinung frei zu bilden und sie ungehindert zu äussern und zu verbreiten.» Art. 16 BV, dabei ist die Persönlichkeit anderer Personen zu schützen: «Wer in seiner Persönlichkeit widerrechtlich verletzt wird, kann zu seinem Schutz gegen jeden, der an der Verletzung mitwirkt, das Gericht anrufen.» Art. 28 ZGB Abs. 1 und das ist der Grund, warum ich mich bemühe, Namen der Angestellten nicht zu verraten.

      Cam

  2. Liebe Cam
    Ich meinte nicht den AMA-Bericht, sondern dass alle eure Adresse herauslesen können und vieles mehr. Die LeserInnen wissen, dass ihr gehörlos seid, wo ihr wohnt usw. Sie kennen deine Versicherten-Nr., alles Daten, die eigentlich unter Persönlichkeitsschutz fallen.
    Lieber Gruss,
    Margot

    • Liebe Margot

      Ja, du hast recht, wir machen unsere Namen und unsere Daten öffentlich, und wir sind uns das bewusst. Wenn jemand aufsteht und mit seiner Meinung kämpft, dann geht das nicht so gut, wenn man anonym bleibt. Von Politikern und andere bekannten Leute weiss man auch, wie sie aussehen und wo sie wohnen.

      Es gibt in Deutschland und ab 1. April 2012 für kommerzielle Websites auch in der Schweiz eine Impressumspflicht. Wären wir in Deutschland, müssten wir sogar unsere Faxnummer angeben. Täten wir das nicht, bekämen wir sehr schnell eine sehr teure Rechnung von einem Abmahnabwalt.

      Ich verstehe nicht, warum viele Leute ihre AHV-Nummer als Geheimnummer empfinden. Was kann man schon mit einer AHV-Nummer machen? Meine Haustüre öffnen? Vielleicht finde ich noch einen Grund, warum es besser wäre, die AHV-Nummer zu schwärzen, aber im Moment sehe ich keinen Grund.

      Daniel

  3. hey cam
    nach laaanger zeit schaue ich wieder mal im deafzone, kam deshalb zu deinem homepage über AMA. ja genau, meine freundin hat auch damit probleme und kämpft damit. sie will bei kassensturz melden, wenns wirklich so schlecht behandelt wird.
    das ist doch immer sehr wichtig und sehr empfohlen, auch schlechte seiten von IV zu erzählen. ich hatte auch selber viele schlechte erfahrungen damit gehabt. wir sollen kämpfen….!!
    ehrlich gesagt, hat iv keine ahnung, wie die behinderten in wirklichkeit können (kompetenzen, fähigkeiten, etc. und wie sie leben).

    am besten sollst du bei kassensturz melden, sie sollen diese erfahrungen veröffentlichen, damit ganze schweiz darbeüber erfährt.
    die behinderten sollen und dürfen selbst entscheiden und wie jeder normale menschen behandelt werden (sehr wichtig im beruf).
    iv darf nicht in das leben einmischen und nicht „bevormunden und befehlen“.
    wie bei mir, ich darf nicht im büro arbeiten, wegen kommunikationsbehinderung (gehörlos unmöglich, hehe. a*** ist iv. wir gehörlosen sind sehr intelligent, visuell sehr begabt, pc-arbeit ist am besten geeignet (wir haben da email-kommunikation). wo liegt das problem?
    immer nur wegen telefonieren haben hörende angst – so ist das.

    also, bitte hab kein angst wegen ama, daniel soll mit dir begleiten. ich empfehle, du kannst im homepage schritt zu schritt erzählen. so erfahren wir alle auch mehr darüber. ich lasse dich selbst entscheiden, was dir lieber ist.
    bitte wehre dich, was dir nicht passt, du musst stark und mut haben.

    ich wünsche dir trotzdem viel kraft, besser jemand mitnehmen zum begleiten, so fühlst du dich sicherer.

    machs gut und lieber gruss
    karin

  4. Hoi Cam und Daniel

    Klar, jetzt verstehe ich eure Haltung. Den Bericht selber finde ich mutig und ich bin schockiert zu lesen, wie die IV-Leute mit Betroffenen umgehen. Ich finde das Tagebuch von Cam gut und vielleicht wird mal ein Buch daraus.

    Liebe Grüsse an euch beide,
    Margot

  5. Da bleibt mir nur das blanke Entsetzen, das ist wirklich ein Hohn. „Angemessene Eingliederung“ durch einen einzigen Kurs bei der „Procom“… Das macht mich nur wortlos…

  6. Guten Morgen Cam und Daniel,

    die Impressumpflicht in D ist viel weiter ausgebreitet als gedacht. Jede, auch jede private Seite muss ein Impressum haben. Gut sichtbar als Link ausgebracht. Es muss sogar (nach einigen Rechtssprechungen) einen direkten Kontakt, wie eine Natelnummer enthalten! Die Form ist genau angegeben,

    Und mal ehrlich: ihr habt nichts zu verstecken, die Situation erfordert sogar, das ihr ganz offen über die Problematik schreibt. Jeder bekommt heraus, wo jemand wohnt, der im Web veröffentlicht. Ich denke das Ihr das ganz richtig macht, wie ihr es macht.

    Liebe Grüsse und viele gute Wirkungen mit der Site…

    Norbert

    • Zum Glück stellt sich uns die Frage mit dem Impressum nicht, z. B. würde eine Faxnummer reichen? Ich bin ja gehörlos. Das mit der Abmahnerei in Deutschland ist gut gemeint, und bekanntlich ist ja gut gemeint oft viel schlimmer!…

  7. Hallo Cam

    Ich bin einfach Fassungslos, als ich deinen Bericht las. Ist es nicht möglich, dass du diesen Bericht auch an den Politiker wenden oder an den Medien? Kassensturz, Aeschbacher oder Schweizer Aktuell. Evtl. 20min.ch

    Ich habe einen grossen Respekt, dass du den Mut hast, deinen Fall in den Öffentlich zu zeigen.

  8. Hallo Cam

    Habe gerade deinen Bericht über die Angst gelesen und kann dir vollkommen zu stimmen…

    Genau das empfinde ich auch wenn ein Brief von der IV im Briefkasten liegt. Die Angst ihn zu öffnen weil ja schon wieder negative Nachrichten darin stehen und die Psyche neben den Schmerzen die man ja auch schon hat auch noch belastet.

    Man wird fast Ohnmächtig, alles dreht sich, Herzklopfen, Angst, Angst Angst macht sich breit, jedenfalls bei mir…

    Nach 12 Jahren IV-Empfängerin wegen einem unverschuldeten Auffahrunfall, vielen Therapien, Arztbesuche, Rehaklinik Aufenthalte, Arbeitsversuche, viele Versuche wieder ins Leben zurück zu finden und und und, wurde mir nun nach einem Gutachten bei dem ich überhaupt nicht ernst genommen wurde und der Entscheid schon vor den Untersuchungen fest lag und nur eine Floskel war, meine Rente von 100% auf 0% gestrichen.

    Ich bekomme also ab sofort keine Rente mehr, obwohl ich die vielen Atteste von meinen Ärzten, Psychologen und Therapeuten eingereicht hatte in denen bestätigt ist, dass ich maximum zu 20-30% Arbeitsfähig bin und nur mit leichteren Tätigkeiten in der Berufswelt Fuss fassen kann, was ich sehr gerne möchte, aber alleine nicht schaffe.

    Den Einspruch gegen diesen Entscheid wurde vom Gericht abgelehnt, das Gutachten sei korrekt und rechtskräftig, die Berichte meiner langjährigen Ärztin und meinen Therapeuten wurden gar nicht angeschaut. So auch die Meinung von meinem Anwalt.

    Die IV hilft mir bei keinerlei Eingliederung in die Arbeitswelt, ich muss selber schauen wo ich bleibe, werde einfach fallen gelassen…

    Zum Glück habe ich einen sehr lieben Ehemann an meiner Seite der mich mit all diesen Problemen und Schmerzen unterstützt und vollkommen hinter mir steht. Doch nun ist er ebenfalls ratlos und weiss auch nicht mehr weiter…

    Ich habe seither sehr schwere Depressionen, Angstzustände u.v.m., habe einen weiteren Hörsturz erlitten und hänge vollkommen in der Luft.

    Meine Angehörigen, Ärzte, Therapeuten, Freunde und Personen denen ich das erzähle, sind entsetzt über das Vorgehen der IV, infolge der neuen Gesetzgebung!!!

    Ich will damit nur sagen, was die IV da treibt, schockiert sehr viele Leute und müsste mehr öffentlich gemacht werden.

    Alles Liebe und Gute für deine Zukunft wünsche ich dir von ganzem Herzen!

    • Liebe Carbu

      Ja, was dir passiert ist, passiert leider auch vielen anderen Menschen. Zum Unfall kommt noch das Unglück einer gefühl- und verständnislosen Bürokratie hinzu. Die Medien haben seit einigen Jahren angefangen, Einzelschicksale aufzugreifen. Ich glaube, ein guter Teil der Bevölkerung spürt, dass etwas mit der Invalidenversicherung nicht stimmt. Ob das für einen Wechsel reicht? Und wohin ginge ein Wechsel?

      Ich denke, das Problem im Schweizer Sozialversicherungsystem liegt in ihren Wurzeln. Es definiert «Bedürftige», um sie dann zu unterstützen. Wer ist «bedürftig», wer nicht? Wer entscheidet, wer Hilfe braucht? Die Abklärerei, die folgt, hat einen schalen bevormundenden Beigeschmack. Wie könnte man es anders machen?

      Ein Problem liegt in einem Interessenkonflikt zwischen Versicherer und Versicherten. Siehe dazu auch im Text Mitwirkungspflicht, was «moral hazard» bedeutet. Wir müssen versuchen, eine Situation ohne Interessenkonflikt zu schaffen. Ich stelle mir als eine radikale Lösung vor, Geld breit an alle auszuschütten (siehe Grundeinkommen). Abgrenzungen verschwinden. Interessenkonflikte lösen sich in nichts auf. Abklärungen werden überflüssig. Eine Riesen-Revolution.

      Ich habe mal die Zahlen vom Bundesamt für Statistik studiert und versucht zu schätzen, ob das überhaupt bezahlbar ist. Die Schweiz ist ja reich. Ausserdem würde sich die Staatsquote dadurch reduzieren, dass Mammutbehörden wie die IV, AHV, etc. weitgehend aufgelöst werden können. Es entstünde eine Art sozialer Minimalstaat. Allerdings wäre das ein krasser Umbau der Schweiz. Eine Riesen-Revolution.

      Und jetzt? Jetzt ist die IV und ihre krebsartigen Auswüchse nun mal da. Die Betroffenen müssen alle je für sich kämpfen und das Beste herausschlagen. Die zerstrittene Politik dreht verzweifelt weiter an den Schräubchen herum. Nachbarn beäugen Menschen mit Behinderung missgünstig. Niemand gönnt niemandem etwas.

      Daniel