Blickwinkel

Ich rief bei der IV-Stelle Bern an und bat darum, meiner Frau die Unterlagen zum AMA-Bericht schicken zu lassen. Alle Versicherten haben das Recht auf Einsicht in den Akten, das steht so im Art. 47 ATSG (Akteneinsicht).

Ein paar Tage später fanden wir folgende Unterlagen in einem Brief:

  • Ablauf der Auftragsbearbeitung, eine Art Protokoll, wie die ganze Abklärung aus der Sicht der IV abgelaufen ist
  • AMA-Schlussbericht von der Gewa mit den Teilberichten:
  • und die Vereinbarung, die von meiner Frau beim  Antrittsgespräch unterschrieben wurde.

Schon am 25. August 2011 wurde eine Abklärung vom ärztlichen Dienst beantragt.  Am 31. August rief ich an (siehe auch Erster Kontakt der IV). Beim Durchlesen des Texts fällt es mir auf, dass es zwei Blickwinkel gibt. Die Invalidenversicherung nimmt die Kontaktaufnahme anders wahr als wir. Hier dazu ein Auszug aus dem Text:

5. Information / Zusage der versicherten Person
[…]
30. 8. Sie ist telefonisch nie erreichbar, Brief geschrieben.
31. 8. Der Mann der Versicherten hat sich über das Schreibtelefon bei uns gemeldet. Er ist wie seine Frau gehörlos. Hat sich über die AMA erkundigt. Er schrieb, dass eine Gebärdensprache-Dolmetscherin notwendig sein würde für die ganzen 4 Wochen. Er bat uns eine Information über die AMA schriftlich zukommen zu lassen, damit er dies mit der Beratungsstelle für Gehörlose abklären könne und diese sich dann bei uns melden wegen einem Datum. […]

Lies mal den Bericht Erster Kontakt der IV um zu vergleichen. Ich denke, beide Blickwinkel stimmen, aber nehmen die Realität jeweils anders wahr. Eine spannende Sache! Dieser Unterschied verstärkt sich um so mehr beim Antrittsgespräch, der von Frau «Grau» wie folgt beschrieben wurde:

Es soll eine eventuelle Erwerbsfähigkeit überprüft werden, da die Versicherte anscheinden Unterstützung zur Eingliederung in die freie Wirtschaft von der IV fordert [damit ist wohl das Gesuch für den Kurs gemeint, siehe Beitrag Angst].
[…]
Die Versicherte berichtet auf Nachfragen, dass sie den Haushalt mit ihrem Ehemann gemeinsam führt. Dieser ist auch gehörlos und ist während dem gesamten AMA-Eintrittsgespräch anwesend. Frau Ly gibt an feinmotorische Tätigkeiten wie Gemüse putzen oder schneiden könne sie nicht, sie koche teilweise, wenn ihr Mann die Sachen vorbereitet habe.
[…]
Die medizinische Situation ist von Anfang an klar. Aufgrund des Geburtsgebrechens wird, wenn überhaupt, nur eine überwiegend leichte sitzende Tätigkeit, eingeschränkt durch die athetotischen1 Bewegungsstörungen, im mittelgroben Bereich möglich sein.
[…]

Ich denke, das ist typisch. Die Ärztin als Fachperson hat eine medizinisch gefärbte Brille, dazu kommt immer die Frage von der Invalidenversicherung, ob eine Person noch teilweise arbeiten könnte. Dieser Blickwinkel kommt natürlich den Betroffenen etwas komisch und verzerrt vor.

So auch ich. Ich nehme eine hoheitliche Bevormundung bei der ganzen Sache wahr. Die IV klärt ab und entscheidet. Das bringt alle Beteiligte immer wieder in Schwierigkeiten. Ärzte zum Beispiel müssen eine Aussage machen, ob eine Person noch arbeiten kann und nicht ob die Person krank oder gesund ist. Das hat bekanntlich zu Problemen bei der Begutachtung geführt (IV-Verfahren nicht EMRK-konform), anders gesagt: IV-Ärtze haben schlicht und einfach gelogen und Kranke gesund geschrieben.

Auch die Betroffenen müssen sehr viel tun, um die Abklärung zu erleichtern (siehe Mitwirkungspflicht).

Kurz, hier habe ich viel Denkfutter bekommen. Mir ist im Moment noch nicht alles klar, was das Ganze bedeutet für die Schweizer Betroffenen. Wir werden uns wieder melden, wenn wir klarer sehen. Auf jeden Fall kann meine Frau ihre volle Rente vorerst behalten.

 


1medizinisches Fachwort für unwillkürliche Bewegungsstörungen, z. B. zu langsame, zu schnelle, zu grosse oder verkrampfte Bewegungen

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