Krankheitskosten nicht übernommen

Ich wurde während der Abklärung krank (siehe auch Abbruch der Abklärung). Ich ging zum Arzt und zur Physiotherapie. Mein Mann hat darum gebeten, die Rechnung der IV zu schicken. Ist ja eigentlich logisch. Befiehlt die IV eine Abklärung, soll sie auch entstehende Kosten übernehmen. Das hat sie auch gemacht für meine Reisekosten, zumindest teilweise. Aber für meine Krankheitskosten etwa doch nicht?

Art. 11 Eingliederungsrisiko

Der Versicherte hat Anspruch auf Vergütung der Behandlungskosten, wenn er im Verlaufe von Eingliederungsmassnahmen krank wird oder einen Unfall erleidet. Der Bundesrat regelt die Voraussetzungen und den Umfang des Anspruchs.

Dieser Artikel wurde mit der Revision 6a per 1. Januar 2012 ersatzlos aufgehoben.

Mein Mann hat ein bisschen die Vernehmlassung zu diesem Artikel studiert. Warum wurde dieser Artikel gestrichen?

Vor langer Zeit war die Krankenversicherung nicht obligatorisch. Wenn jemand krank wurde, konnte es passieren, dass er die Kosten alleine tragen musste. Darum hat die IV dann als «Verursacher» die Kosten übernommen. Jetzt gibt es eine obligatorische Krankenversicherung für alle. Darum hat eine Mehrheit im Parlament gefunden, dass der Artikel nicht mehr nötig ist. Auch Menschen, die von der IV abgeklärt werden, hätten so oder so genügend Versicherungsschutz. Darum sei Artikel 11 «Eingliederungsrisiko» überholt und überflüssig.

Hier jetzt die Folge von diesem gestrichenen Artikel:

Arzt Rechnung

Die Invalidenversicherung übernimmt die Kosten von meinem Arzt und von meiner Physiotherapie nicht! Immerhin, meine Krankenkasse muss bezahlen. Oder?

Leider nein! Mein Mann und ich haben eine hohe Franchise bei der Krankenkasse.

Ich habe drei Einschränkungen, die medizinisch nicht aufwendig sind: Hörbehinderung, cerebrale Parese und entzündliche Abnützung des Sehnenansatz der Schulter. Vor allem zu meiner Schulter muss ich Sorge tragen. Es ist wichtig, dass ich gewisse repetitive Tätigkeiten nicht ausführe. Ich treibe ein wenig Sport (Wandern, Schwimmen, Tandem, Gymnastik) und gehe immer wieder ins Thermalbad. So kann ich gesund bleiben und muss nicht viel zum Arzt oder ins Spital.

Mein Mann meint, es ist auch unser Beitrag an einem sparsamen Gesundheitssystem in der Schweiz, wenn wir nicht für jede Bagatelle zum Arzt rennen und wenn wir kleinere Behandlungen selber bezahlen! Darum haben mein Mann und ich bei der Krankenkasse eine Versicherung mit hoher Franchise (ich CHF 2000, mein Mann CHF 2500) abgeschlossen. In den letzten paar Jahren haben wir so mehrere Tausend Franken eingespart.

Jetzt sind wir beide sehr überrascht, dass die Invalidenversicherung laut Gesetz nicht einmal mehr die von ihr verursachten Krankheitskosten übernimmt.

Und was bedeutet das konkret für den Betroffenen?

Es ist zu empfehlen, dass ein IV-Rentner eine Krankenversicherung mit einer tiefen Franchise löst. Denn man kann nie wissen, ob eine Abklärung der Invalidenversicherung den stabilen Lebenslauf durcheinander bringt und das Risiko zu erkranken massiv erhöht. Das ist schade. Die versicherte Person verliert eine Möglichkeit, ihr Leben betreffend Gesundheit und Gesundheitskosten zu optimieren und selbst zu gestalten.

Dieser gestrichene Artikel ist wieder so ein Beispiel für einen Fehlanreiz im Schweizer Gesundheitswesen.

3 Gedanken zu “Krankheitskosten nicht übernommen

  1. Das ist ja unglaublich, da bleibt wirklich nur Kopfschütteln. Wieder einmal spart der Staat auf Kosten derjenigen, die sich am schlechtesten wehren können. Es ist ein (weiteres) Armutszeugnis für den Sozialstaat Schweiz.

    Wahrscheinlich hilft das auch nicht, aber es ist das Einzige, das mir in den Sinn kommt: Die Staatshaftung. Nach Art. 100 Abs. 2 und 3 des Personalgesetzes (PG) des Kantons Bern muss der Kanton für den Schaden haften, den seine Mitarbeiter in Ausübung ihrer amtlichen Tätigkeit rechtmässig verursacht haben, wenn Einzelne unverhältnismässig schwer betroffen sind und ihnen nicht zugemutet werden kann, den Schaden selber zu tragen. Für Verletzungen der körperlichen Integrität und schwere Persönlichkeitsverletzungen haben die Geschädigten Anspruch auf eine angemessene Genugtuung. Das Argument wäre, dass die AMA-Anordnung durch die IV-Behörden im Bewusstsein um den Gesundheitszustand und die Auswirkung der repetitiven Tätigkeiten während der AMA adäquat kausal die Verletzung hervorgerufen hat (sorry, ich brauche sonst eigenlicht nie mehr Juristensprache) und der Kanton deshalb für die Arzt- und Heilungskosten geradestehen muss.

    Unsere neue Zeitschrift „Pflegerecht – Pflegewissenschaft“ enthält eine Rubrik, die juristische Leserfragen beantwortet. Schildert doch dem Schriftleiter Prof. Dr. Hardy Landolt den Fall inkl. einer ganz kurzen Zusammenfassung mit der Frage zur Abschaffung des von Euch genannten Gesetzesartikels und ob es eine Möglichkeit gibt, die Heilungskosten zurückerstattet zu erhalten: [email protected], http://www.pflegerecht.ch. Ich hoffe, es nützt etwas!

    • Wir haben einen befreundeten Anwalt gefragt. Er meint, eine Möglichkeit wäre eine privatrechtliche Klage auf Schadenersatz. Die Hürden seien aber hoch. Wir müssten hieb- und stichfest beweisen, dass die Abklärung «schuld» an der Erkrankung ist. Die Chancen dafür stehen äusserst schlecht. Der Ansatz mit dem Personalgesetz tönt interessant, hat aber das gleiche Problem wie eine privatrechtliche Schadenersatzklage.

      Danke aber für deinen Tipp mit dem Pflegerecht!

  2. typisch ist das so. ich fragte auch meiner freundin, sie machte einige untersuchungen und kann nicht 100% arbeiten, nur 50% möglich. alles bezahlt die krankenkasse, nicht einmal ein rappen der IV !!

    mir kommt doch in den sinn.
    die iv hat mir vor 2 jahren psychologie-therapie empfohlen wegen erschwerte stellesuche. ich war eigentlich nicht psychischkrank, sondern frustiert wegen nur absagen von stellenbewerbungen. ich wollte nur, dass sie mir bei stellensuche helfen, firmen anfragen, überzeugen dass ich auch wie jede hörende arbeiten kann, ausser nicht telefonieren und direkten kundenkontakt.
    ich fragte iv, würden sie psychologie-stunden bezahlen?? – antwort NEIN; krankenkasse bezahlt das ALLES.
    unglaublich, immer mehr leute werden psychischkrank und depressiv durch grosen berufstress (burn-out). deshalb steigen auch die krankenkasse-prämien, durch erhöhte erkrankungen.
    100% vollzeitarbeit und überstunden, das vernäachlässigt die gesundheit einer arbeitsnehmber besonders viel mehr als teilzeitstellen.
    für die meisten reicht nicht einmal am wochenende richtig zu erholen, besonders in einer familie muss zb. der vater immer für die kinder besorgen.
    ich empfehle daher 80% als vollzeitstelle, dafür weniger krankheitsausfälle und stress. so könnte auch krankheits- und sicher auch IV-kosten sparen.