Motivation von Menschen mit Behinderungen

Jack hat heute abend einen Kommentar auf der Seite Empfehlungen zur AMA gepostet. Da er sehr lang geworden ist, und lesenswert ist, poste ich den Kommentar hier mit Jacks Einverständnis als eigene Seite.

Vielen Dank für den Kommentar und für deine Kritik an meine Empfehlungen! Jack hat schon recht. Die Motivation von Menschen mit Behinderungen wird von den Institutionen systematisch angezweifelt. Da müssen wir alle gut überlegen, was wir da schreiben.

Also viel Spass bei der Lektüre!


Hallo Daniel

Per Zufall stiess ich hier nun auf deinen Bericht, der mittlerweile schon 2 Jahre alt ist. Ich möchte da anmerken, das es sicher nicht ganz so ist oder sein dürfte wie du geschildert hast.

Was du geschrieben hast, bezog sich auf deine Frau, andere Fälle hingegen verliefen schlimmer oder vielleicht auch besser, doch letzteres ist mir leisder nicht bekannt. Vor allem dein vorletzter Absatz mit der Motivation stimmt mich nachdenklich. Was ist, wenn jemand Motivation hat, aber gesundheitlich nicht kann?

Als ich vor vielen Jahren einen Arbeitsunfall erlitt und gesundheitliche Schäden davon trug, wurde ich der IV vorgestellt, statt der SUVA. Haben sich viele darüber gewundert, verstanden hatte es keiner, ich auch nicht.

Bei der IV konnte ich dann nach verschiedenen Abklärungen eine Umschulung erhalten in meinem erlernten Beruf, der mir trotz der gesundheitlichen Einschränkungen nicht nur machbar erschien, sondern auch Freude bereitete.

Nach 2.5 Jahren beendete ich diese Umschulung erfolgreich, fand aber keinen Arbeitsplatz, weil die IV versäumt hatte, meine Behinderung zu berücksichtigen, welche ich schon immer gehabt hatte.

Trotz guter Praktikums, die ich im Rahmen der Umschulung absolvierte, konnte sich kein Arbeitgeber finden, der mir einen Arbeitsplatz anbot unter Berücksichtigung meiner Behinderung und unter Berücksichtigung meiner gesundheitlichen Einschränkungen nach dem Unfall.

Die IV hat zugegeben, hier einen Fehler gemacht zu haben und mir in einer nicht qualifizierten Berufsberatungsabteilung eine Berufsberatung zukommen lassen, wobei die damalige Berufsberaterin eine sehr kompetente und engagierte Person war.

Meine Hörbehinderung verhinderte also einen erfolglosen Wiedereinstieg ins Berufsleben und die IV verweigerte mir eine passende Eingliederungsmassnahme, welche mir die Möglichkeit gegeben hätte, in selbstständiger Weise meine Existenz zu sichern.

Stattdessen verfügte die IV eine erneute Abklärung und degradierte mich zum IV – Rentner, was ich damals nicht wollte und mich auch dagegen wehrte.

Bedenke ich aber heute nun die fortschreitenden Probleme meiner gesundheitlichen Einschränkungen mit kaputten Gelenken und einer kaputten Wirbelsäule, war mein damaliges Engagement eigentlich wirklich sinnlos.

Dennoch fügte ich mich und bin seither IV Rentner, was alles andere als ein sonniges Leben ist, wobei jetzt nicht primär die gesundheitlichen Beeinträchtigungen gemeint sind, sondern die existenzielle Sicherung durch die IV, welche nur wenige Hundert Franken ausmachen, als man Finger an einer Hand hat.

Im Jahr deines Blogs hatte ich dann eine Abklärung, die aus medizinischer Sicht eher ein Hohn war, weil mit jedem zweiten Satz die Frage gestellt wurde, warum ich denn nicht arbeiten wolle.

Ich würde lieber gestern wie morgen arbeiten, wenn ich könnte, doch die Untersuchungen der Gelenke waren katastrophal und jeder ehrliche Mediziner hätte erkennen müssen, das damit keine Arbeitsleistungen im eigentlichem Sinne zu erzielen gewesen wäre und dennoch wurde ich selbst bei diesen schmerzhaften Tortouren immer wieder aggressiv mit Zwischenfragen bombardiert, warum ich nicht arbeiten wolle!

Solche Abklärungen erinnern mich eher an Foltermethoden der Stasi, von denen ich mal einiges selbst erleben durfte, als ich einige Jahre in Berlin vor dem Mauerfall gearbeitet hatte.

Die Abklärungen brachten allerdings keine Veränderungen nach sich, was mich angesichts dieser unmedizinischen Aggressivität der Ärzte eher erstaunte.

Mit der Zeit danach wurden meine gesundheitlichen Probleme immer drastischer, das ich nun einen Spezialisten aufsuchen musste, der eine gravierende Krankheit an der Wirbelsäule feststellte, welche (medizinisch noch) nicht behandelt, sondern nur gelindert werden kann unter Berücksichtigung sehr hoher Kosten.

Die autoimmune Erkrankungen der Wirbelsäule fesselt mich mal periodisch, mal urplötzlich sehr stark in der Bewegung, das schon kleinste, alltägliche Anstrengungen zur Qual werden. Aber ebenso können sie auch lange Pausen einlegen, das meine Beschwerden auf ein Minimum reduziert werden. Es ist eher ein Lottospiel, wobei man hier aber immer Nieten zieht.

Für diese Abklärungen forderte der Spezialist die Untersuchungsergebnisse der IV an, um weitere Informationen zu erhalten und erfuhr völlig überraschend, das ich nicht IV erhalte wegen meiner gesundheitlichen Beschwerden, sondern weil ich pschisch krank sein soll!

Das ist für mich die grösste Überraschung, weil es mir in all der Zeit niemand gesagt hatte. Das ich unter Depressionen leide, die schubweise oft sehr extrem sein können und auch sonst psychische Erkrankungsmerkmale zeige, war mir selbst zwar bewusst, aber nicht, das ich deswegen IV erhielt. Nirgends stand es für mich geschrieben und niemand teilte es mir jemals mit.

Trotz all meiner Beschwerden aber bin ich immer noch motiviert zu arbeiten, nur, mittlerweile über das mittlere Jahrhundert hinaus, dürfte es schon alleine Altersmässig kaum was werden mit einem Job, ganz zu schweigen davon, das ich je älter ich werde, auch immer mehr Beschwerden zeige.

Würde ich nun bei der kommenden Abklärung Motivation zeigen wie ihr beschreibt, gesundet mich die IV mit einem Federstrich. Sicher, Arbeit bedeutet mir etwas und das tue ich ja bereits, da ich nur eine halbe IV habe und mit dem Rest ein kleines Geschäft führe, was bedauerlicherweise nicht zum Leben reicht, aber mir immerhin die nötigen pausen bei Beschwerden ermöglicht, ohne die ich wohl längst in die Kiste gefallen wäre.

Doch mehr Arbeit würde mich völlig kaputt machen, weil alle Ärzte ausserhalb des IV Bereiches dieser Meinung sind, anhand meines Beschwerdekataloges, den sie seit Jahren der Behandlungen ja auswendig kennen.

Würde ich also die Motivation bewusst unterdrücken, wird es eurer Meinung nach erkannt und ich gelte dann als fauler Siech oder Betrüger. Auch in diesem Fall dürfte das Ergebnis dasselbe werden.

Es spielt also keine Rolle, ob man simuliert oder offen präsentiert, die Entscheidung liegt ungeachtet der realen medezinischen Befunden ausschliesslich bei der IV, welche nach Finanzkriterien und nicht nach ärztlichen Befunden entscheidet. Davon abgesehen, arbeiten die meisten Abklärungsstellen sowieso nicht nach medizinischen Gesichtspunkten, sondern ausschliesslich zugunsten der vordefinierten Befunde der IV. Das wurde schon mehrfach in verschiedenen Medien offenbart.

Gruss Jack

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