Rückblicksbesprechung

Freitag um 10 Uhr wurde ich überraschend zu einer Besprechung eingeladen. Um was ging es?

Kleiner Raum mit vielen grünen Metallschränken an allen drei Wänden, einer Sitzbank den Schränken entlang. Schuhe. Eine Einkaufstasche und eine leere Colaflasche auf einem Schrank oben. Grauer Boden.

Garderobe Herren

Es war eine Rückblicksbesprechung. Der Abklärungsleiter und seine Stellvertreterin (oder Praktikantin?) und eine Dolmetscherin waren dabei. Ich bekam Feedback. Ich sei offen, motiviert, sei gut im Rechnen und Administration, meine Korrespondenz sei sauber gegliedert, nur sprachlich klappe es nicht so ganz und die Kommunikation sei nicht ganz einfach. Ich wurde gefragt, ob ich Interesse hätte, einen neuen Beruf zu lernen und welchen?

Ich wunderte mich. Ich kämpfte damals für eine Weiterbildung und bekam keine Unterstützung. Und jetzt will die IV mich fördern, einen neuen Beruf zu erlernen? Für mich ist das eine merkwürdige Überraschung. Die Frage, welchen Beruf ich erlernen will, passt überhaupt nicht zum bisherigen Verhalten der Invalidenversicherung! Ich kann der Sache nicht so recht trauen.

Ich erzählte, wie die Invalidenversicherung meine Versuche, mich weiterzubilden, schlecht unterstützt hatte. Da war der Kurs im Design (siehe Beitrag Angst), wo die Invalidenversicherung den Dolmetscheinsatz viel zu spät bewilligt hatte. Ein anderes Beispiel waren meine Bemühungen um einen Deutschkurs. Ein Gesuch für eine Unterstützung an den Kurskosten wurde sinngemäss mit der Begründung abgelehnt, dass ein Kurs kein Hilfsmittel sei und dass für die Ausbildung neuerdings wegen der NFA die Kantone zuständig seien. Hier fiel ich zwischen Stuhl und Bank. Vor der Abstimmung November 2004 wurde versprochen, dass die NFA keine Nachteile (Insieme) für Menschen mit Behinderungen produzieren sollte. Das stimmt nicht, denn es war aussichtslos, den Kanton Bern um eine Unterstützung anzufragen.

Ich habe diese Situation sogar einmal dem kantonalen Gesundheits- und Fürsorgedirektor Herrn Perrenoud schildern dürfen. (Bei der Gelegenheit, vielen Dank der Kantonalen Behindertenkonferenz für die Organisation des Treffens! Das war vor bald anderthalb Jahren. Hier das Protokoll.) Herr Perrenoud hörte interessiert zu und hat zugegeben, dass es nicht gut läuft. Am Schluss blieben trotzdem die Kosten für eine Weiterbildung an mir hängen. Ich lerne jetzt bei Dima in Zürich Deutsch und bezahle die Kosten dafür alleine.

Nach der Besprechung ging es im Abklärungstrott weiter. Es gab weitere Testaufgaben. Nun musste ich 30 Briefe einpacken! Ich habe gewarnt, dass dies meiner Schulter nicht gut tut. Ich liess mich überreden. Am Abend hatte ich starke Schulterschmerzen und nahm wieder eine Schmerztablette. Zum Glück kümmerte sich mein Mann um meine Schulter. Seine Massagen sind sehr entspannend.

Auch stiess es mir negativ auf, dass die Invalidenversicherung und sogar ihre Fachärzte mehr oder weniger alles delegieren. Wie kann bloss die Invalidenversicherung über mich entscheiden, wenn ihre Angestellte mich nie richtig kennenlernen? Frau Grau und Frau Grün sehen mich ja kaum. Das letze Mal hat Frau Grau mich nicht einmal angeschaut, als sie da war.

2 Gedanken zu “Rückblicksbesprechung

  1. Endlich hat der Person, Abklärungsleiter gesehen, was du da soviel durchmachen musstest und auch damals nur unterfordernde Job und schlechte Erfahrung mit IV betrifft Weiterbildung und Berufsweg hattest. Und dann fragen sie dich, was dein Berufswunsch ist. Das finde ich wie ein „Widerspruch“ gegenüber IV-Stelle (falls ich richtig vestanden habe, das Abklärungsleiter von IV-Behörde ist).
    Nur finde ich etwas oberflächlich und unklar. Warum kommen sie auf diese Frage??

    „… nur sprachlich klappe es nicht so ganz und die Kommunikation sei nicht ganz einfach.“
    Das ist immer typische Aussage von den Normalhörenden, die sonst nie eine Gehörlose begegnet. Das geht mich sehr auf die Nerven!!
    Sie denken, wir können nicht gut Deutsch verstehen und sprechen schlecht….!!
    Niemals das im Arbeitszeugnis, oder bestimmte Brief erwähnen, das mit Bewerbung zu tun hat!! Das ist eine persönliche Wertabstufung.
    Und dafür können die Guthörenden (ausser Dolmis) keine Gebärdensprache verstehen ! ?

    Ein Berufwunsch? Ah, das hat jeder ein Traumberuf als Kind oder später…
    Hier schreibe ich offen, damit ALLE lesen können….

    Sei vorsichtig gegenüber IV-Berufsberater/in, falls du damit zu tun hast!!
    Ich habe schon paar Mal erlebt, dass IV-Berufsberatern mich fragen, was ich sehr gerne machen oder mich weiterbilden würde – dann zuletzt kommt ABLEHNUNG. Weil ich gehörlos und „kommunikationsbehindert“ bin, ist es nicht möglich gewünschte Beruf zu ausbilden/weiterbilden!! Arbeit am PC und im Büro ist für Gehörlosen nicht geeignet, so war die Antwort von IV-Berufsberatung.
    Frustierend, depremierend, diskrimierend, so verletzend und abstossend ist das.

    Also „FERTIG LUSTIG“ damit!!

    Jetzt habe ich EENNDDLLIICCHH einen Traumjob gefunden, dass die IV mich niemals unterstützen würde. Schon vor mein Abflug nach Südamerika habe ich mich beworben.
    Ich werde in nächster Zeit als „mobile Reiseberaterin“ für eine Reiseunternehmen arbeiten, erwarte noch auf den Arbeitsvertrag.

    Cam, gib nicht schnell auf!! Nimm genug Zeit und rede mit den Leuten, die mit Dir Abklärung machen. Sie sollen Dich sehen und erfahren, was du wirklich kannst.
    Du gehörst niemals in einer geschützen Werkstatt mit langweilige unterfordernde Arbeit – NIE WIEDER !! Das macht nur unzufrieden und unglücklich – fällt ins Depression und mögliche psychische Erkrankung

    Vorallem hoffe ich sehr, dass Du deinen Berufswunsch erfüllen kannst.
    Auch endlich Glück hast, einen weiteren Schritt zu erreichen, was Du schon lange machen wolltest, Dir Freude und Motivation bringt.

    Machs gut und wünsche Dir weiter Durchhaltewille. Du übestehst das schon gut!

    Lieber Gruss aus Zürich Flughafen
    Karin

    • Liebe Karin

      Wow für deinen so langen Kommentar! 🙂

      Der Abklärungsleiter ist ein Angestellter der Gewa. Cam wird während der Abklärung von der Gewa betreut. Cam hat neben der Hörbehinderung noch eine cerebrale Parese, die auch einen Einfluss auf die Verständlichkeit der Sprache hat. Ich selber kommuniziere in Gebärdensprache mit ihr. Das geht gut. Das weisst du selber. Du kannst ja auch gut mit Cam sprechen. Einfach die Menschen, die nicht gebärden können, haben ein Kommunikationsproblem mit Cam. Wir wissen, dass die Mehrheit der Menschen «behindert» ist, weil sie nicht mit Cam kommunizieren können.

      Und das spielt halt eine Rolle im Berufsleben. Das kannst du nicht verstecken, indem du in der Bewerbung das weglässt. Spätetestens beim Vorstellungsgespräch haben die Leute einen Riesenschock. Das haben Cam und ich auch bei Frau Grau, die Ärztin gemerkt, sie schnitt sogar eine Grimasse, als sie Cam erblickte.

      Daniel