Schwache Sprachkenntnisse

Von der Gewa gibt es einen Abklärungsbericht. Der Abklärungsleiter (den wir früher «Chef» nannten) hat einen Bericht von etwa 3 A4-Seiten geschrieben. Mich interessieren vor allem diese beiden Sätze im Abschnitt Sprachkenntnisse: «Ihre schriftlichen Sprachkenntnisse sind sehr schwach. Sie formuliert ihre Gedanken nur schwer nachvollziehbar, in abgehackten Sätzen.» Warum schreibt der «Chef» so etwas?

Eine Kollegin meiner Frau sagte mir: «Cam kann aber doch gut Deutsch!». Sie ist nicht die einzige, die diese Meinung hat.  Ich erlebe das immer wieder. Woher kommt der Widerspruch?

Viele Mitglieder der Gebärdensprachgemeinschaft haben eine schlechte Bildung. Heute bewegen sie sich unter sich und haben kaum Kontakt zur lautsprachlichen Welt. Sie leben wie in einem Ghetto. Zuhause und mit ihren gleichgesinnten Freunden verwenden sie  die Gebärdensprache. In dieser Welt scheint meine Frau viel besser Deutsch zu können. Es ist eine andere Welt, nicht besser und nicht schlechter als die Welt der Hörenden. Man spricht von «Gehörlosenkultur» (ein Wort, das ich nicht so mag). Unter sich, unter Freunden, in der gehörlosen Familie, in der Freizeit gebärdet man. Es gibt kulturelle Anlässe, Informationsveranstaltungen und Kurse. Nur beim Einkaufen, beim Arbeiten, in der hörenden Familie, beim Kontakt mit den Behörden muss man diese Welt verlassen. Das ist nicht einfach. Plötzlich funktioniert die Kommunikation viel schlechter, Missverständnisse vertausendfachen sich, man bekommt wichtige Informationen nicht mehr. Kein Wunder, dass die Menschen lieber unter sich bleiben.

Ich selber sehe mich als bi-kulturell. Ich hatte eine humanistische Bildung an einem öffentlichen Gymnasium in der Region Bern. Ich besuche aber auch Anlässe und Kurse in Gebärdensprache. Vor kurzem wurde das Musical «Titanic» am Thunersee in Gebärdensprache übersetzt. Ich habe die Vorführung sehr genossen. Ich könnte unmöglich den gleichen Genuss erfahren ohne Übersetzung. Den Grund habe ich im Gehörlosblog ausführlich erklärt:

Ich postuliere, dass Kommunikation drei Merkmale hat:
Kommuniziert man mündlich oder schriftlich?
Ist man zu zweit oder in der Gruppe?
Ist man Zuhörer und/oder Erzähler?

[…] Nur bei einer Sache brauche ich Hilfe […]: Mündliche Kommunikation in der Gruppe als Zuhörer!

Das bedeutet, auch ich, der sehr gut Deutsch kann, bin in der Lautsprache eingeschränkt. Darum bin ich froh über die Mitgliedschaft in der anderen Welt. Die lautsprachliche Welt genügt mir nicht, weil sie mir nicht genügend Partizipationsmöglichkeiten bietet.

Und nun zurück zum Thema «Schlechte Deutschkenntnisse». Warum haben viele Mitglieder der Gebärdensprachgemeinschafte solch schlechten Deutschkenntnisse? Es sind normale Menschen wie du und ich. Meine Frau ist nicht dumm. Was ist damals schief gelaufen? Was läuft heute noch schief?

Fragen über Fragen. Was ist deine Meinung?

7 Gedanken zu “Schwache Sprachkenntnisse

  1. Gebärdensprache und Lautsprache haben völlig verschiedene Grammatiken. Übernimmt man die Grammatik der GS und wendet sie bei der LS an, klingt das für Hörende als könne man ganz schlecht Deutsch. Deshalb funktionieren Wort-für-Wort-Übersetzungen nicht (bei keiner Sprache!). Es ist für mich deshalb klar, wie das Missverständnis entstehen konnte. Aber dass der „Chef“ so schreibt, zeigt nur, dass er keine Ahnung hat. Und besonders nett ist das auch nicht gerade von ihm. Ich konnte selbst erleben, dass du sehr gut Deutsch verstehst!

  2. Vielen Dank! Ich habe deinen Artikel «Spracherwerb» auf deiner Website http://www.gebaerden-sprache.ch angeschaut. Fasse ich richtig zusammen? Das gehörlose Kind im Alter von 0 bis 3 Jahren bei hörenden Eltern kann die erste Sprache nicht so wie hörende Kinder erlernen: unbewusst, ungeplant und «natürlich» durch Zuhören und Interaktion in Familie und auf dem Spielplatz.

    Einverstanden. Aber ich glaube auch, dass auch später noch vieles schief laufen kann. Ich selber hatte auch spät (mit etwa 3 oder 4 Jahre, muss meine Eltern fragen) Sprachkontakt, aber kann mich jetzt gut in Deutsch (schriftlich) ausdrücken. Im Kindergarten und später in der Schule hatte ich viel nachgeholt. Das ist möglich. Warum haben aber trotzdem viele Gehörlose eine schlechte Bildung?

  3. Warum haben aber trotzdem viele Gehörlose eine schlechte Bildung?

    Erst muss eine Muttersprache gut beherrschen können. Für die Denkentwicklung braucht es eine richtige Sprache können und nicht ein paar Wörter sprechen können, sondern auch Gedanken, Interaktion, Fragenstellen, etc. in Sprache voll ausdrücken können. Da wir, fast alle 90%, Zuhause keine Gebärdensprache bekommen haben. In diesem Fall haben wir eine späte Sprachentwicklung könnten wir wenn wir Glück haben in der Lautsprache einigermassen 30% verstehen und nachholen. Leider gelingen bei vielen Gehörlosen nicht, da für sie Lautsprache schwer zugänglich waren und deshalb auch in der Sprache sowie Bildung nicht weiter entwickeln können. Da die Lehrer die Gebärdensprache nicht können. Wir brauchen die visuellen Sprache die Gebärdensprache und können mit diesen Sprache voll und ganz erwerben und ausdrücken.

    Die normale Schule empfehlen immer dem Migrationseltern für ihre Kinder in ihre Heimatsprachkurs zu besuchen gehen, damit sie ihre Muttersprache vollkommen erwerben und beherrschen können um nachher in der Schule leichter haben um eine zweite oder weitere Sprache dazu zu lernen können. In diesem Fall soll genau gleich sein auch bei gehörlosen, CI- und CODA-Kindern. Sie sollen in ihre Muttersprache also die Gebärdensprachkurs gehen damit sie leichter haben auf die Basis der Gebärdensprache die deutsche Sprache darauf aufbauen zu können.
    Zweitens haben viele hörende Kindern unbewusste Spracherwerb z.b. Deutsch zuhause bekommen und in der Schule wird die bewusste Spracherwerb Deutsch vermittelt. Schulkinder bekommen in der Schule Fach Deutsch und dort wird genau erklärt wie die Sprache aufgebaut wird.

    Für gehörlose, CI- und schwerhörige Kinder fehlen bis heute bewusste Spracherwerb die Gebärdensprache in der Schule. Es muss eine obligatorische Fach Gebärdensprache geben in der Schule, damit solche Kinder ihre Sprache bewusst lernen können und erst dann wird es viel leichter eine zweite Sprache Deutsch darauf auf zu bauen. Jetzt läuft die erste Schule Sekundarschule SEK 3 mit obligatorische Fach Gebärdensprache für gehörlose Schüler, aber leider erst im Oberstufenschule. Es soll schon im Kindergarten und Unterstufe stattfinden. Und vorallem muss eine Möglichkeit geben im Kindergarten und in der Schule die Gebärdensprache als Unterrichtssprache oder mit Gebärdensprach-Dolmetscher geben, damit ihnen das Wissenbildung und der Austausch mit anderen Schülern und Lehrern so viel wie möglich vermitteln werden können.

  4. Lautsprache und Gebärdensprache für Job-Karrier habt ihr schon gesprochen, und auch in die Freizeit wie es aussiehen?

    -hörende Leute kontaktieren (Bar, Restaurant, Disco, usw)
    -visuelle Kontakt per Chatten mit Texten

    Dies haben meist auch probleme mit dem Kommunikation mit andere fremder hörende Menschen, wobei z.B. Profi herstellen und über sich schreiben (Deutsch-Grammatik schlecht), und auch bei chatten nicht so optimal, damit meist denken die fremder hörende Menschen, dass wir seid ein Ausländer oder teilweise meist Vorurteilen über unsere lustige schlechte Deutsch-Grammatik, den wir nicht richtig beheerrscht kann. Ich erhalte tausend Mitteilung, von dem hörende leuten, den meine Deutsch-Grammatik schlecht finden und verspönnt.
    Dann hatte ich schwierigerkeit mit dem hörende Leuten umzugehend mit dem visuelle Chatten (aufklären, oder so)

    Rechtschreiben mit Gebärdensprache /Lautsprache soll gleichwert unterricht. Leider sehe ich nur schwarz, dass unerfahrung Lehrerinnen dürfen weiterhin in die hörbehinderte Schule unterricht, wenn sie auch gleichzeitig Ausbildung ist blöd. Zuerst müssen die hörende Lehrerinnen den Gebärdensprache-Ausbilder abgeschlossen, dann unterricht ist richtig. Nicht umkehrt !

    Bei Verkauf, Einkaufen, Billettekontrolle etc. kommuniziere ich mit Lautsprache UND auch Gebärdensprache, desto wird die Personal verwirrt, wenn ich für das Laden stammkunde ist, dann die hörende Verkäufer kann auch gebärden =) oder habt auch verstanden, was ich möchte. Das ist leichter, als nur wenn ich immer nur Lautsprache verwendet, dann kommt immer ein Missverstädnisse, wegen dem laute Geräusch umfeld verstört. oder so…

  5. Das stimmt, das die Hörenden unsere Deutschkompetenz immer unterschätzen!! Ich erlebe das öfters!
    Auch die IV-Berufsberaterin hat mich „schlecht bewertet“ und die meisten sagen gleiches Satz: die Kommunikation mit einer Hörbehinderte Person ist sehr schwierig, da keine gute Aussprache und die Deutschkenntnisse nicht ausreichend ist. Dann stufen sie den Betroffene als „lernbehindert“ (nicht so intelligent oder leichte geistige Behinderung) durch niedrigen Bildungsniveau auf ersten Blick. Mich stört das sehr und muss immer wehren und erklären.

    Alleine aus der Sicht der hörenden Welt ist mein Deutschkompetenz nicht perfekt, habe vorallem viel Grammatikfehler.
    In der Berufsschule sagte oft Lehrern, dass mein Deutsch für eine Hörbehinderte recht gut ist. Wenn man das vergleicht mit andere heutige Gehörlosen Jugend, sieht man, dass heute viele lieber nur in GS kommunizieren, nicht mehr gerne schreiben.

    Mich wurde einmal bei einer Arbeitsstelle gekündigt, weil mein Deutsch und Englisch nicht perfekt war. Erst später merkte ich, dass ich doch vom Mitarbeiterin gemobbt wurde. Sie hatte kein Lust mehr auf Anforderung vom Chef meine Briefe und Emails zu korrigieren, bevor an Kunden verschickt wurde.

    ICH WÜNSCHE MIR VORALLEM, DASS MEHR LEUTE DIE OFFENFHEIT UND LOCKERHEIT SOWIE INTERESSE AN „MITMENSCHEN“ VERMEHRT EINSETZEN.

    Eben nicht beurteilen oder bewerten, was für Intelligenz der Mensch hat. Ich fühle mich im Ausland meist wohler und benütze sogar mehr einfache GS oder schreibe auf, was ich sagen möchte.
    Wenn ich das so hier in der Schweiz mache, werde ich blöd angestarrt…..!!